Wie viel Wolf steckt im Hund?

Hund auf Sofa

Was ist eigentlich dran an dieser Sache mit dem Wolf und dem Hund? Hat der Hund sein dominantes Verhalten wirklich vom Wolf geerbt oder ist es schlichtweg anerzogen? Und was bedeutet das eigentlich für die Erziehung? Diesen und weiteren Fragen gehen wir hier nach.

Warum wir über den dominanten Hund und den Wolf schreiben

In unserem Artikel „Warum knurrt mein Hund mich an?“ gab es folgende Situation: Der Familienhund hatte es sich im Bett bequem gemacht. Jedes Mal, wenn sich der Besitzer im Bett bewegte, knurrte ihn der Vierbeiner an. Doch warum? Auf der Suche nach der Antwort sind wir auf teils sehr unterschiedliche Ansätze gestoßen.

KleinerWelpe

Dieser Beitrag ist jedoch nicht dazu gedacht, wissenschaftliche Theorien bis ins kleinste Detail auszuleuchten und zu verteufeln. Er soll einfach verschiedene Sichtweisen aufzeigen und Sie für das Thema Dominanz beim Hund sensibilisieren. Fangen wir einmal von vorne an:

Das Bild des dominanten Wolfes ist veraltet

Dass der Hund vom Wolf abstammt, steht außer Frage. Dass er aber auch dessen dominantes Verhalten geerbt haben soll, sei erst einmal dahingestellt. Denn Tatsache ist, dass viele der weitverbreiteten Theorien über das Verhalten von Wölfen überholt sind. Ihr gravierender Schwachpunkt: Die damaligen Forscher zogen ihre Rückschlüsse aus der Beobachtung von Wölfen, die in Gefangenschaft und somit in begrenztem Freiraum gehalten wurden.

Mittlerweile liegen jedoch neue Erkenntnisse über freilebende Wolfsrudel vor. Und diese geben ein ganz anderes Wolfsbild wieder. Sie zeigen, dass der Wolf ein Familientier ist, bei dem die Hierarchie häufig natürlich gewachsenen Strukturen folgt. So haben beispielsweise Eltern mehr zu sagen als ihre Kinder. Dafür kümmern sie sich aber auch um den Nachwuchs und tun alles, damit es diesem gutgeht. Natürlich haben Wölfe auch dominante Züge. Doch das Bild des dominanten Wolfes, der ständig aggressiv um seine Vorherrschaft im Rudel kämpft, ist so nicht mehr eindeutig tragbar.

Drei Arktische Wölfe

Sind Wolf und Hund überhaupt vergleichbar?

Demnach halten wir fest: Der Vergleich von Wolf und Hund hinkt. Und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum einen ist der Hund seit Jahrhunderten domestiziert und somit nur noch in Ansätzen überhaupt mit dem Wolf vergleichbar. Und wenn selbst der Wolf an sich kein durch und durch dominantes Wesen besitzt, warum sollte es dann der Hund von eben diesem geerbt haben?

Zum anderen gibt es auch in seiner Lebensform einen nicht zu verachtenden Unterschied. Das Wolfsrudel besteht in der Regel aus Familienmitgliedern. Hunde hingegen werden im frühen Kindesalter von ihrer Mutter getrennt. Um dann Teil eines „Rudels“ zu werden, mit dem sie nicht nur nicht verwandt sind, sondern die nicht einmal Hunde sind. Der Begriff „Rudel“ wird daher von uns in diesem Zusammenhang auch nur unter Vorbehalt verwendet.

Dominanter Hund oder doch falsche Erziehung?

Natürlich steckt in jedem Hund noch ein kleines bisschen Wolf und natürlich gibt es auch dominante Hunde. Doch schlechtes Verhalten können Hundebesitzer nun einmal nicht einfach auf die Abstammung vom Wolf schieben. Solch eine Generallösung wäre viel zu leicht. Dann müsste kein Hundehalter mehr Verantwortung übernehmen. Und das wäre fatal. Denn aggressives oder dominantes Verhalten ist häufig das Resultat schlechter Erziehung oder schlechter Erfahrungen.

Oft sind auch Unsicherheit und Angst die Auslöser. In diesen Fällen ist es mit Sicherheit keine Lösung, die Dominanz mit Härte austreiben zu wollen und so den Hund noch mehr unter Stress zu setzen. Vielmehr ist es wichtig, dem Hund Struktur zu bieten sowie alternative Verhaltensmuster.
Manchmal ist es aber einfach nur die Sturheit Ihres Hundes, die sein dominantes Verhalten hervorruft. Er will auf Biegen und Brechen seinen Kopf durchsetzen. Er zeigt sich dominant, weil er möchte, dass Sie so handeln, wie er es will. Das ist dann aber eher auf den Charakter Ihres Hundes oder angelerntes Verhalten zurückzuführen als auf die Erbmasse des Wolfes. Solch ein dominantes Verhalten sollten Sie natürlich nicht durchgehen lassen.

Hund und Wolfshund

Sie müssen das Alphatier bleiben

Um in der Sprache der Wölfe zu bleiben: Damit Sie das Alphatier (oder einfach der Chef) in Ihrer Mensch-Hund-Beziehung bleiben, ist es wichtig, dass Ihr Hund Sie akzeptiert und sich bei Ihnen wohlfühlt. Er benötigt Regeln, die er auch versteht. Genauso gut müssen Sie aber auch Ihren Hund verstehen. Es liegt an Ihnen, herauszufinden, was für einen Charakter Ihr Vierbeiner hat und warum er wann auf welche Weise reagiert. Nur so können Sie ihn konsequent und zielgerichtet erziehen.

Stellen Sie sich doch einmal einen Wurf Welpen vor. Vier tollpatschige Golden Retriever von wenigen Wochen. Schnell werden Sie feststellen, wie unterschiedlich die Hundebabys sind. Manche sind von Geburt an richtige Draufgänger, andere eher introvertiert. Wie sich der Hund also im Laufe seines Lebens entwickelt, hängt nicht nur von seiner Abstammung ab, sondern zu einem Großteil von der Erziehung sowie seinen Erfahrungen mit der Umwelt. Also vermuten Sie nicht gleich hinter jedem Fehlverhalten Ihres Hundes die böse Absicht, dass er dominant sein und Ihnen den Rang ablaufen möchte. Denken Sie daran, dass dieses Verhalten eher eine Mischung aus allem ist. Denn schwarz oder weiß, das gibt es selten!

Vier Welpen in einem Körbchen auf einer Wiese

Zurück zum Beispiel „Warum knurrt mein Hund mich an?“

Doch was bedeutet dies nun für das am Anfang erwähnte Beispiel mit dem knurrenden Hund auf dem Bett? In den früheren Theorien über Wölfe hieß es, dass der dominanteste und ranghöchste Hund gerne erhöht schläft, um über sein Rudel zu wachen. Daraufhin wurde Hunden, die gerne erhöht liegen, direkt unterstellt, ein ausgeprägtes Dominanzgehabe an den Tag zu legen.

Das ist so jedoch gar nicht bewiesen. Im Gegenteil: Der Anreiz ist eher die Nähe zum Herrchen, der schön kuschelige Untergrund oder der gute Überblick. Also denken Sie daran, wenn sich Ihr Hund das nächste Mal auf dem Sofa quer über Sie legt: Er strebt nicht unbedingt nach Macht, sondern er fühlt sich bei Ihnen sicher. Oder er ist egoistisch und will es einfach möglichst bequem haben. Hier ist er also dem Menschen nicht unähnlich. Manchen Hunden reicht es allerdings auch schon aus, wenn sie ihr Körbchen in Nähe zu Herrchen oder Frauchen haben. Also wundern Sie sich auf der anderen Seite auch nicht, wenn Ihr Hund gerne ein bisschen Freiraum mag und sich deshalb nicht zu Ihnen aufs Sofa oder ins Bett quetscht.

kleiner Hund ist am knurren

Was soll ich also tun, wenn mein Hund mich im Bett anknurrt?

Zurück zu der Situation, dass der Hund auf dem Bett geknurrt hat. Das geht natürlich gar nicht. Immerhin ist es in erster Linie Ihr Schlafplatz, auch wenn der Vierbeiner das vielleicht ganz anders sieht. In diesem Fall binden Sie Ihrem Hund einfach für die nächste Zeit eine Hausleine an. An dieser können Sie ihn dann aus sicherer Entfernung vom Bett ziehen, sobald er knurrt. Lernt er nicht daraus und macht Ihnen auch weiterhin Ihr Bett streitig, muss er wohl oder übel erst einmal außerhalb des geliebten Bettes schlafen.

Hunde im Bett benötigen klare Spielregeln

Wenn Sie Ihrem Hund erlauben möchten, im Bett zu schlafen, sollten Sie von Anfang an klare Regeln aufstellen:

  • Der Hund darf nicht alleine ins Bett? Dann bringen Sie ihm ein Kommando bei, ab wann er sich zu Ihnen kuscheln darf. Dies kann zum Beispiel ein „Komm hoch“ sein, oder auch eine nonverbale Geste wie das zweimalige Klopfen auf die Bettdecke. Wichtig ist jedoch, dass Sie die Sache mit dem Kommando strikt durchziehen. Ausnahmen verboten!
  • Nicht Ihr Hund wählt seinen Platz im Bett aus, sondern Sie. Sonst müssen Sie nämlich jeden Abend um Ihr Kopfkissen kämpfen – und das möchten Sie bestimmt nicht! Weisen Sie dem Hund von Anfang an seinen Platz zu.
  • Leckerchen oder vor Speichel triefende Spielzeuge gehören nicht ins Bett. Deshalb sollte Ihr Hund von Anfang an lernen, nur allein ins Bett zu kommen.
  • Im Bett wird geschlafen. Nicht getobt. Wenn Sie dies so sehen, sollten Sie selbst auch konsequent bleiben und Ihren Vierbeiner nicht ständig zum Toben animieren. Sonst kommen Sie wahrscheinlich nie zur Ruhe. Denn Ihr Hund hat vielleicht mal nachts um vier Lust aufs Toben. Wie soll er ahnen, dass Sie dann nicht so entzückt sind?
Hund im Bett

Weitere Beispiele für ererbte Dominanz beim Hund

Das Beispiel mit dem Hund, der gerne hoch oben liegt, um (angeblich!) seine Position im Rudel zu demonstrieren, ist nicht das einzige seiner Art. Wir zeigen Ihnen noch weitere Situationen, die gerne auf vom Wolf ererbtes dominantes Verhalten zurückgeführt werden und liefern Ihnen gleich einen neueren Erklärungsansatz mit.

Ihr Hund stürmt als Erster aus der Tür
Das bedeutete es früher:
Der Hund beweist, dass er das Rudel anführt. Er hat immer den Vortritt. Also bloß nicht den Hund vorbei lassen, sonst bestärken Sie ihn in seinem dominanten Verhalten.
Das bedeutet es heute:
Vielleicht ist hier einfach eine schlechte Angewohnheit des Rätsels Lösung. So stürmt Ihr Hund als Erster aus der Tür, weil er sich so sehr freut, dass es endlich losgeht. Rennt er Sie dabei fast über den Haufen, liegt es wahrscheinlich daran, dass Sie ihm nie beigebracht haben, seine Ungeduld zu zügeln. Wer hat es also versäumt? Richtig, Sie.

Ihr Hund gehorcht nicht immer
Früher:
Ihr Hund hat in seinen Augen das Sagen. Deshalb wird auch nur das gemacht, wonach ihm gerade ist.
Heute:
Sie rufen Ihren Hund zurück, aber er kommt nicht? Dann will er wahrscheinlich nicht dominant sein, sondern hat gerade etwas wahnsinnig Aufregendes entdeckt. Und ist so euphorisch oder aufgeregt, dass er schlichtweg nicht hören will. Auch ein ansonsten braver Hund hat mal einen schlechten Tag. Andererseits kann es natürlich auch sein, dass Ihr Hund einfach ein Dickkopf ist, der Sie gern im Griff hat. Sollte ungehorsames Verhalten jedoch gehäuft vorkommen, müssen Sie erzieherisch eingreifen!

Ihr Hund darf nicht als Erster sein Fressen bekommen
Früher:
Der Rudelführer darf als Erster essen. Geben Sie Ihrem Hund also sein Futter, bevor Sie essen, stärken Sie damit seine Überzeugung, das Rudel anzuführen.
Heute:
Wie Sie eine Situation handhaben, ob Ihr Hund vor Ihnen fressen darf oder nicht, ob er vor Ihnen aus der Tür gehen darf oder nicht, hat ganz allein damit zu tun, wie Sie sich entscheiden. Wichtig ist allein, dass Sie die Situation im Griff haben. Sie „erlauben“ also dem Hund auf ein bestimmtes Zeichen hin, durch die Tür zu gehen. Sie geben ihm sein Fressen, bevor Sie essen, damit Sie Ihre Ruhe haben und nicht, weil Ihr Hund es so will.

Fazit zum Thema: Wie viel Wolf steckt im Hund?

Die Themen Wolf und Hund sowie Dominanz und Erziehung sind sehr komplex. Bei allen angesprochenen Punkten solltet Sie nicht vergessen: Es ist nicht alles nur schwarz oder weiß. Es gibt auch viele Zwischenstufen. Also beobachten Sie Ihren Hund, lernen Sie ihn richtig kennen und lenken Sie ihn in die richtige Bahn.

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Hund liegt auf dem Boden

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